Medizinische Leitlinien (Therapieleitlinien)

1962 wurde die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) mit dem Ziel gegründet, die Entwicklung von Standards, Richt- und Leitlinien sowie Empfehlungen der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften und anderer Organisationen im Gesundheitswesen voranzutreiben und zu koordinieren. Inhaltlich verantwortlich hierfür sind die Vorstände der jeweils zuständigen Fachgesellschaften. Seit 1995 entwickelt die AWMF „Leitlinien für Diagnostik und Therapie“ für die wichtigsten Krankheitsbilder. In ihrer Broschüre, die zum 50. Jubiläum der AWMF erschienen ist [http://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Die_AWMF/AWMF_aktuell/2012/Broschuere_50_Jahre_AWMF.pdf], erläutert die AWMF: „Ärztliche Leitlinien für Diagnostik und Therapie geben den jeweiligen Stand der Erkenntnis wieder und erleichtern den behandelnden Ärzten und den Patienten die Entscheidungsfindung für eine angemessene Behandlung in spezifischen Krankheitssituationen“. Idealerweise berücksichtigen die medizinischen Leitlinien auch ökonomische Aspekte. Seit 1995 sind mehr als 1.000 solcher Leitlinien erstellt worden, die im Informationssystem „AWMF online - Das Portal der wissenschaftlichen Medizin“ im Internet veröffentlicht sind. Die Leitlinien für Diagnostik und Therapie werden ständig auf Aktualität überprüft und dann ggf. entsprechend dem wissenschaftlichen Fortschritt aktualisiert.

Empfehlungsgrad

Die AWMF klassifiziert die Leitlinien in drei qualitativ verschiedene Stufen:
  • S3-Leitlinien
    Die wesentlichen Aussagen der qualitativ hochwertigsten S3-Leitline sind evidenzbasiert und wurden im Konsens mehrerer Fachgesellschaften erstellt.
  • S2-Leitlinien
    Die S2-Leitlinien sind entweder evidenzbasiert (S2e) oder basieren auf Konsens (S2k).
  • S1-Leitlinien
    Die S1-Leitlinie ist definiert als Handlungsempfehlung einer nicht repräsentativen Entwicklergruppe von Spezialisten, ohne systematische Evidenzbasierung und ohne strukturierte Konsensfindung.

Leitlinie oder Richtlinie

kuestenstrasse.jpgRein rechtlich haben die Leitlinien lediglich einen Informationscharakter und sind kein verbindliches normiertes Regelwerk. Die Leitlinien stellen für den einzelnen Arzt eine unverbindliche Empfehlung dar und schränken seine Therapiefreiheit nicht ein. Leitlinien dürfen nicht unbesehen gleichgesetzt werden mit medizinischen Standards. Im Einzelfall können Leitlinien „den medizinischen Standard für den Zeitpunkt ihres Erlasses zutreffend beschreiben; sie können aber auch Standards ärztlicher Behandlung fortentwickeln oder ihrerseits veralten“, heißt es in einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Mai 2014 [http://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=VI%20ZR%20382%2F12]

Letzte Änderung: 01.10.2017