Galle

Als Galle, Gallensaft, Gallenflüssigkeit bezeichnet man eine zähe Körperflüssigkeit, die in der Leber produziert und in der Gallenblase gespeichert wird.
Die Galle und die Gallenblase zählen neben der Leber und der Bauchspeicheldrüse zu den wichtigsten Organen des Verdauungssystems. Zum einen dient die Galle der Fettverdauung, zum anderen kann der Körper über die Galle u. a. die schlecht wasserlöslichen Gifte ausscheiden, die nicht über die Nieren ausgeschieden werden können.

Die Gallenflüssigkeit

Der menschliche Körper produziert in der Leber täglich etwa 600-700 ml dünnflüssige Gallenflüssigkeit, auch Lebergalle oder Primärgalle genannt, die in der Gallenblase auf etwa zehn Prozent ihres Volumens eingedickt wird.
Diese konzentrierte Gallenflüssigkeit, auch Blasengalle genannt, ist je nach Anteil der Gallenfarbstoffe Bilirubin und Biliverdin gelblich bis grünlich und kann stark eingedickt auch bräunlich werden.
Sie wird bei Bedarf (z. B. nach einer fetten Mahlzeit) direkt in den Zwölffingerdarm abgegeben.
Hat die Gallenflüssigkeit ihre Aufgabe im Darm erfüllt, gelangt ein Großteil, mehr als 90 %, über den Blutweg wieder in die Leber. Dort wird sie ergänzt und gelangt dann wieder in die Gallenblase. Diesen Kreislauf nennt man den enterohepatischen Kreislauf zwischen Darm und Leber.

Die Gallenblase

Die Gallenblase (vesica fellea) ist ein kleines, birnenförmiges Hohlorgan, etwa 4 cm breit und 6-10 cm lang. Sie befindet sich an der Unterseite der Leber, etwa in der Höhe der 9. Rippe. Die Gallenblase fasst etwa 70 ml Füssigkeit.
Sie hat die Aufgabe, die Lebergalle zu konzentrieren, die Blasengalle zu speichern und sie bei Bedarf in den Zwölffingerdarm abzugeben.
Die Gallenblase ist kein lebenswichtiges Organ. Nach einer Gallenblasenentfernung kann man in der Regel ohne Einschränkungen weiterleben.

Die Galle in der Geschichte

In der medizinischen Theorie der Viersäftelehre der Hippokratiker, die um 400 v. Chr. entwickelt wurde und die medizinische Lehre bis ins 19. Jahrhundert dominierte, nimmt die Galle eine zentrale Rolle ein.
In der Viersäftelehre ging man davon aus, dass die ganze Welt aus den vier Elementen Wasser, Erde, Luft und Feuer besteht, und dass diese Elemente den vier Kardinalsäften zugeordnet sind: der gelben Galle, der schwarzen Galle, Blut und Schleim.
Wenn sich die Kardinalsäfte im Gleichgewicht (Eukrasie) befänden, sei der Mensch gesund. Bei einem Ungleichgewicht (Dyskrasie) komme es zur Krankheit. Man ging davon aus, dass die gelbe Galle, die mit Cholerikern assoziiert wurde, in der Leber produziert werde, die schwarze Galle hingegen, die mit Melancholikern (von mélaina cholé, schwarze Galle) in Verbindung gebracht wurde, im Hoden und der Milz produziert werde. Sanguinikern ordnete man das Blut und Phlegmatikern den Schleim zu.
Für unsere Vorfahren war die Gallenblase ein wichtiges Organ und für eine gesunde Verdauung notwendig. Die Menschen in der Steinzeit aßen sehr unregelmäßig und hungerten manchmal tagelang; wenn sie dann ein Tier erlegt hatten, aßen sie große Mengen Fleisch auf einmal. Um die großen Mengen fettes Fleisch verdauen zu können, brauchten sie reichlich Gallensaft. Dafür war eine funktionierende Gallenblase unerlässlich.
Heute sind unsere Mahlzeiten kleiner und werden regelmäßiger eingenommen, so dass keine größere Menge an Gallenflüssigkeit benötigt wird.

Gallenwegserkrankungen bzw. -besonderheiten

Es kann es zu verschiedenen Auffälligkeiten, Problemen und Erkrankungen der Galle kommen:
  • Cholangitis
    Entzündung der Gallengänge – meist in Folge von Gallensteinen
  • Cholestase (Gallenstauung)
    Stau der Gallenflüssigkeit innerhalb der Gallengänge, mit Rückhaltung von Galle
  • Cholesterose (Erdbeergallenblase,
    Fischschuppengallenblase oder Lipoidose der Gallenblase) Ist eine harmlose und nicht therapiebedürftige erdbeerartige Veränderung der Gallenblase.
  • Cholezystitis (Gallenblasentzündung)
    Entzündung der gereizten Gallenblase, die zu 90-95 % durch Gallensteine verursacht wird.
  • Gallenblasen- und Gallengangskrebs
    (Gallenblasenkarzinom, Gallengangskarzinom) Seltene, bösartige Tumoren in der Gallenblase bzw. den Gallengängen – häufig als Spätfolge von Gallensteinen.
  • Gallenblasenpolypen
    Gutartige Tumoren der Gallenblase, die meist keine Beschwerden verursachen.
  • Gallengangsatresie
    Sind schon bei der Geburt die Gallenwege außerhalb der Leber nicht richtig angelegt, kann das Neugeborene nach der Geburt eine Gelbsucht (Ikterus) bekommen. Bei einer solchen Fehlbildung ist in der Regel eine Operation notwendig, damit die Galle abfließen kann.
  • Gallengries (Mikrolithiasis)
    Feinste Steinchen (etwa 0,5-1 mm) aus kristallisiertem Gallensaft.
  • Gallensäureverlust-Syndrom
    Erkrankung, die durch einen funktionell relevanten Mangel an Gallensäure auftritt.
  • Gallensteine (Cholelithiasis)
    Steinbildung in der Gallenblase.
  • Porzellangallenblase (Kalkgalle)
    Komplikation der Gallenblasenentzündung, bei der es zu einer kalkigen Verhärtung der Gallenblasenwand kommt.
  • Postcholezystektomiesyndrom
    Beschwerden nach einer Gallenblasen-OP.
  • Reizgallenblase (Gallenwegsdyskinesien oder Cholecystopathie)
    Funktionelle, nervös bedingte Gallenprobleme.

FAQs

Brauchen wir die Gallenblase?
Wer keine Gallenblase hat, kann ganz normal weiterleben, sofern er sich für heutige Gegebenheiten „normal“ ernährt. Normalerweise reicht die Gallenflüssigkeit, die die Leber frisch produziert, für eine Mahlzeit aus. Bei Menschen, die gern üppig und besonders fett essen, kann es ohne Gallenblase zu Problemen kommen. Sie berichten dann über Völlegefühl und Durchfall, weil die Fettverdauung nicht mehr ausreichend unterstützt wird.

Brauche ich, wenn mir die Galle entfernt wurde, Nahrungsergänzungsmittel?
Nein. Es gibt keinen Nachweis darüber, dass Nahrungsergänzungsmittel nach einer Gallenentfernung die Verdauung verbessern.

Letzte Änderung: 01.06.2015

Dr. med. Peter Nagel

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